„Suchtberatung ist heute so dynamisch wie nie zuvor“: Herausforderungen für Fachkräfte in Suchthilfe und Jugendarbeit

Die Suchtarbeit verändert sich. Neben klassischen Abhängigkeitserkrankungen wie Alkohol- oder Medikamentensucht rücken zunehmend neue Konsumformen und Verhaltensweisen in den Fokus. Die Legalisierung von Cannabis in Deutschland, die starke Verbreitung von Vapes sowie wachsende Aufmerksamkeit für Verhaltenssüchte wie problematische Pornografie Nutzung oder Essstörungen stellen Fachkräfte in Suchthilfe und Jugendarbeit vor neue Herausforderungen.

Um wirksam beraten und begleiten zu können, müssen neue Entwicklungen frühzeitig erkannt, Risiken eingeordnet und das eigene Fachwissen kontinuierlich erweitert werden.

Cannabis: die „unbedenkliche“ Droge?

Mit der Teillegalisierung von Cannabis hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung der Substanz deutlich verändert. Oft wird die Droge als unbedenklich und weniger gefährlich als beispielsweise Alkohol oder Zigaretten eingeschätzt. Trotzdem zeigen Studien weiterhin einige Risiken, insbesondere für junge Menschen.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) berichtet, dass rund 10,7 % der Jugendlichen und 13,2 % der jungen Erwachsenen problematische Cannabiskonsummuster zeigen (BZgA 2023). Nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen erfüllen zudem rund 515.000 Menschen in Deutschland die Kriterien einer Cannabisabhängigkeit (BIÖG 2023).

Gesundheitsbehörden warnen: Ein früher Konsumbeginn erhöht das Risiko für Abhängigkeit und kann die Gehirnentwicklung beeinträchtigen (RKI 2023). Besonders Jugendliche können Konzentrations- und Gedächtnisprobleme entwickeln.

Zudem kommt, dass Cannabiskonsum das Risiko für Psychosen erhöht. Besonders betroffen sind Menschen mit genetischer Veranlagung für Schizophrenie und anderen psychischen Störungen. Je häufiger und intensiver der Konsum, desto größer das Risiko, Symptome zu entwickeln (drugcom.de 2021). 

Vapes: Attraktive Geschmacksrichtungen und Influencer Marketing mit Abhängigkeitspotenzial

Parallel zur Cannabisdebatte verbreiten sich E-Zigaretten rasant – insbesondere unter Jugendlichen. Vapes und E-Zigaretten dürfen, wie andere nikotinhaltige Produkte auch, nicht an Kinder und Jugendliche unter 18 verkauft werden, und dennoch ist der Konsum gerade in den Altersgruppen in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Das zeigen unter anderem die Ergebnisse der DEBRA-Studie zum Rauchverhalten in Deutschland, die vom Bundesgesundheitsministerium gefördert wird (DEBRA).

Suchtexpertin und Dozentin Lama El Eter betont mehrere Faktoren, die Vapes besonders problematisch machen:

„Vapes/E-Zigaretten enthalten in der Regel Nikotin, eine stark abhängig machende Substanz, die das zentrale Belohnungssystem aktiviert. Das jugendliche Gehirn befindet sich noch in der Entwicklung und reagiert daher besonders sensibel auf suchtauslösende Reize, wodurch sich eine Abhängigkeit schneller etablieren kann. Der steigende Konsum ist unter anderem durch attraktive Geschmacksrichtungen, ein jugendaffines Design, teils hohe Nikotinkonzentrationen sowie eine vergleichsweise leichte Verfügbarkeit erklärbar. Hinzu kommt eine anhaltend starke Präsenz in sozialen Medien, auch im Kontext indirekter oder influencerbasierter Bewerbung, was zur Normalisierung des Konsums beiträgt. 

Zwar entstehen im Vergleich zu herkömmlichen Zigaretten weniger Verbrennungsprodukte, dennoch bergen Vapes für nichtrauchende Jugendliche ein erhebliches Risiko für die Entwicklung einer Nikotinabhängigkeit sowie gesundheitlicher Beeinträchtigungen.“

Für Prävention und Jugendarbeit entstehen dadurch neue Herausforderungen, da sich Konsummuster zunehmend verändern und schwerer erkennbar sind.

Sucht ist mehr als Substanzabhängigkeit

Die moderne Suchtforschung betrachtet Abhängigkeit längst nicht mehr ausschließlich als Folge von Rauschmittelkonsum. Auch bestimmte Verhaltensweisen können suchtähnliche Muster entwickeln und erheblichen Leidensdruck verursachen.

Pornografie-Nutzungsstörung als Verhaltenssucht

Lama El Eter beschreibt problematische Pornografie Nutzung als potenzielle Verhaltenssucht, wenn zentrale Kriterien erfüllt sind:

„Pornografie Nutzung ist nicht per se pathologisch. Problematisch wird sie dann, wenn sie zwanghafte oder nicht mehr ausreichend kontrollierbare Züge annimmt. Kennzeichnend sind ein anhaltender Kontrollverlust, eine starke gedankliche Vereinnahmung, die Fortsetzung des Konsums trotz negativer Folgen sowie eine deutliche Beeinträchtigung im Alltag oder ein spürbarer Leidensdruck. Entscheidend ist dabei nicht die reine Häufigkeit, sondern der Verlust der Steuerungsfähigkeit und die psychosoziale Beeinträchtigung über einen längeren Zeitraum.“

Bevölkerungsstudien zeigen, dass etwa 3–5 % der Erwachsenen Verhaltensweisen aufweisen, die den diagnostischen Kriterien entsprechen. 

Essstörungen und Suchtmechanismen

Auch Essstörungen weisen suchtähnliche Dynamiken auf. „Essstörungen sind psychosomatische Erkrankungen mit suchtähnlichem Charakter: „MagerSucht, Ess-Brech-Sucht, Ess-Sucht“ spiegeln diese Nähe auch wider,“ erklärt Dozentin Marianne Sieler.

Betroffene erleiden bei einer Essstörung einen Kontrollverlust bezüglich ihres Essverhaltens – vom nicht Essen bis hin zu wiederkehrenden Essanfällen. Die Dynamik des Essverhaltens führt zu starken Beeinträchtigungen wie zum Beispiel Kontrollverlust, hohem psychischen Leidensdruck, Verlust anderer Interessen oder Lebensinhalte und sozialem Rückzug.

Im Kontrast zu vielen anderen Suchtmitteln, ist jedoch bei einer Essstörung Abstinenz unmöglich und Betroffene müssen den Umgang mit dem „Suchtmittel“ lernen. „Wenn andere Süchte eine Rolle spielen, waren Essstörungen oft zu Beginn schon da und bleiben am Schluss übrig,“ so Sieler.

Marianne Sieler betont, dass es sich bei Essstörungen häufig um die klassisch „andere“ Zielgruppe handelt, eine die überwiegend weiblich ist, eine enge Anbindung ans Elternhaus hat und häufig leistungsorientiert und angepasst ist. Zudem gehen Essstörungen häufig mit Komorbiditäten einher, die ebenfalls im medizinischen Kontext erfragt/erfasst werden sollten, zum Beispiel: Depressionen, Ängste, Zwänge, oder selbstverletzendes Verhalten.

Essstörungen sind in der Suchthilfe noch immer ein eher „randständiges“ Thema, aber es besteht eine große Nähe zur Sucht - in der Dynamik und in der Komorbidität oder auch Doppeldiagnose. Für Beratende ist es daher entscheidend, problematische Nutzungsmuster frühzeitig zu erkennen und angemessen einzuordnen, sodass Betroffenen zuverlässig geholfen werden kann. 

„Suchtberatung ist heute so dynamisch wie nie zuvor. Umso wichtiger ist es, fachlich am Puls der Zeit zu bleiben.“

Neue Substanzen, veränderte Konsumformen und wachsende Verhaltenssüchte erweitern das Feld der Suchthilfe stetig. Für Fachkräfte bedeutet das, Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen, Risiken differenziert einzuordnen und die eigene Expertise regelmäßig zu aktualisieren. Eine fundierte Weiterbildung schafft die Grundlage dafür, Menschen kompetent zu begleiten und präventiv zu handeln.

Die Landesstelle für Suchtfragen Baden-Württemberg der LIGA der freien Wohlfahrtsverbände arbeitet gemeinsam mit der Paritätischen Akademie Süd daran, Fachkräfte gezielt auf diese neuen Herausforderungen vorzubereiten.

„Suchtberatung ist heute so dynamisch wie nie zuvor. Umso wichtiger ist es, fachlich am Puls der Zeit zu bleiben,“ sagt Stefanie Artelt (Referat Sucht- und Drogenhilfe des Paritätischen Landesverband Baden-Württemberg). Sie beschreibt die Zusammenarbeit so: „[sie] ermöglicht es, aktuelle Entwicklungen frühzeitig aufzugreifen und in qualifizierte Fort- und Weiterbildungsangebote zu überführen. Unser gemeinsames Ziel ist es, Fachkräfte in der Suchberatung dabei zu unterstützen, auf neue Konsumtrends, veränderte Zielgruppen und differenzierte Störungsbilder fachlich fundiert und praxisnah reagieren zu können. Die Kooperation steht für Qualitätssicherung, fachliche Aktualität und eine kontinuierliche Professionalisierung im Suchthilfesystem Baden-Württemberg. Wir fragen bei den Verbänden die Bedarfe der Suchtberater*innen ab und entwickeln auf dieser Grundlage das Fortbildungsangebot kontinuierlich weiter.“

Alle Angebote der PAS zum Thema Sucht finden Sie auf unserer Themenseite Liga: Fortbildungen zur Suchthilfe https://akademiesued.org/projekte/liga.

 


Quellenverzeichnis

Veröffentlichungsdatum